Editorial im März 2017

prof dr hubert gindert

Liebe Leser,

 

wir sind immer neu fasziniert, wenn wir erfahren, wie Menschen aus den Jedermann-Gewohnheiten ausbrechen, wenn z.B. aus einem unbekannten Schüler ein großer Wissenschaftler, aus einem gewöhnlichen Kicker ein Fußballstar oder aus einem Durchschnittschristen ein Heiliger wird.

 

Was ist ihr Geheimnis und welche besonderen Wege, die diese Verwandlung erklären, gehen diese Menschen? Etwa außerordentliche Lehrer, Trainer oder geistliche Begleiter? Woher nehmen diese Betreuer, neben ihren Erfahrungen und Fachkenntnissen ihre Autorität, die ihnen das Herz der ihnen Anvertrauten öffnet? Das Gefühl – ich bin nicht Prestigeobjekt meines Lehrers, der mich fördert – er mag mich, erklärt viel.

 

Wenn wir unsere Überlegung auf den Weg zu Gott hin lenken, tauchen ähnliche Probleme auf. Auf die Frage, wie viele Wege es zu Gott hin gibt, antwortete Papst Benedikt XVI. einmal: So viele wie es Menschen gibt. Das sind auch Wege einer Umkehr zu Gott hin. Das Leben heilig Gewordener zeigt das. Die Wege könnten kaum unterschiedlicher sein:

Augustinus zog als Lehrer der Rhetorik nach Mailand, nicht um den Bischof Ambrosius, sondern um den faszinierenden Redner Ambrosius zu hören und von ihm zu lernen und er wurde nicht nur von der Form, sondern auch vom Inhalt seiner Predigt überwältigt.

 

Theresa von Avila hatte sich schon 18 Jahre in ihrem Kloster bequem eingerichtet, als sie 40jährig in der Betrachtung der Leiden Christi die Liebe Gottes zu den Menschen begriff und ihr großes Reformwerk begann. Edith Stein griff auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens in der Bibliothek eines befreundeten Ehepaares nach einem Buch der heiligen Theresa von Avila und sie verstand das Wort von Theresa: Dios solo basta – Gott allein genügt!

 

Theresa von Kalkutta gab, bewegt durch den Anblick des Elends auf der Straße, ihr Leben als Lehrerin eines renommierten Erziehungsinstituts auf und widmete sich fortan den Armen. In all den Fällen war es ein individueller Ruf, der von dem ausging, der schon auf Erden sprach wie einer, der Macht hat, und nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten. Natürlich gab es in der Kirchengeschichte auch „Massenbekehrungen“, z.B. an Pfingsten nach der Rede des Petrus, durch die besondere Einwirkung des Heiligen Geistes. Aber allen „Umgekehrten“, die aus der religiösen Alltäglichkeit herausgetreten sind, ist gemeinsam, dass sie sich Gott ganz geöffnet haben. Schließlich gibt es nicht wenige, die in der Karwoche die Matthäuspassion hören, begeisternde Reden über Gott hören, das Elend unserer Zeit im Fernsehen beobachten und danach so von ihren Sesseln aufstehen, wie sie sich hingesetzt hatten. Hatten die „Unberührten“ etwa Pech? Wohl kaum. Wenn alle Menschen zum ewigen Leben bei Gott berufen sind, dann gibt es auch für jeden einen Weg zu Gott hin. Hatten sie also eine Chance? Wenn Gott gerecht ist, dann bekommt jeder eine. Die Fastenzeit ist eine solche. Wir müssen nur offen für unsere Chance sein.

 

 

Mit den besten Wünschen

 

Ihr Hubert Gindert und das Redaktionsteam

 

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